Tania hat geschrieben: ↑Donnerstag 9. Januar 2025, 17:19
Trotzdem, dieses Modell ist nicht die einzige Art, eine Beziehung zu führen. Und ich empfinde es als etwas befremdlich, dass Du so massiv versuchst, die aus diesem Modell gewonnenen Erkenntnisse hier als ultimative Fakten zu propagieren, und die Menschen aufforderst, doch mal aufzuwachen und das anzuerkennen. ...
Liebe Tania,
Mir ist schon bewusst, dass sich die Welt in den letzten 30 Jahren ein Stück weiter gedreht hat. Und ich begrüße es durchaus, dass die jungen Frauen heute zuerst mal dafür sorgen, dass sie selbst auf eigenen Beinen stehen können. Das habe ich übrigens auch getan. Leider bin ich aufgrund von massivem elterlichen Druck in einem Beruf gelandet, den ich von Anfang an gehasst habe. Deshalb war es für mich auch kein wirklich großes Opfer, diesen für die Familie aufzugeben. Dennoch habe ich immer darunter gelitten, von meinem Mann abhängig zu sein und habe später dann noch einmal alles daran gesetzt, in einem neuen Beruf Fuß zu fassen. Dies ist mir auch so halbwegs gelungen. Ich arbeite seit jetzt fast 13 Jahren in der Pflege und konnte hier sehr viel besser meine Fähigkeiten und Talente einbringen, als im ursprünglichen Beruf. Allerdings war es mir aufgrund meines schon fortgeschrittenen Lebensalters nicht mehr möglich, sowas wie "Karriere" zu machen. Das bedaure ich sehr. Mit einem Examen oder sogar einem Studium im sozialen Bereich wäre mir vieles möglich gewesen, was mir so leider verwehrt blieb. Und ich schlage manchmal die Hände über den Kopf zusammen, wenn ich erleben muss, wie leichtfertig junge, unerfahrene Vorgesetzte zum Teil verheerende Fehlentscheidungen treffen, weil sie diesen wunderbaren Beruf leider nur halbherzig und ohne wirkliche Ambitionen ausüben. Aber das ist alles mein Problem und hat mit dem ursprünglichen Thema nichts zu tun.
Zu unserer Ehe kann ich dir sagen, dass sie trotz aller Belastungen glücklich ist. Und mit glücklich meine ich jetzt nicht hollywoodreif glücklich, sondern eher so, dass wir beide zufrieden sind und das, was wir aneinander haben zu schätzen wissen. Es gab schon Momente und auch längere Phasen, in denen wir gezweifelt und gehadert haben. Das hat in unserer Lebensmitte zu einer heftigen Krise geführt. Damals hing unsere Ehe wirklich nur noch an einem seidenen Faden. Das was uns damals zusammen hielt war nur noch unser Kind, unser Haus und das Leben, das wir uns aufgebaut hatten. Die Liebe und vielleicht sogar die gegenseitige Wertschätzung hatte sich auf ein Minimum reduziert und war kaum noch spürbar. Aber wir hielten durch. Wir trafen einfach jeden Tag die Entscheidung, gemeinsam weiter zu machen, egal wieviel Blut, Schweiß und Tränen es uns kosten würde. Und ich kann dir sagen, Tränen flossen eine Menge. Auf beiden Seiten.
Aber wir schafften es und sind heute wieder froh und glücklich zusammen. Wir genießen jetzt unser Leben ganz anders, haben unsere Erwartungen zurück geschraubt und leben bescheidener aber in gegenseitigem Respekt und dem Wissen, dass wir uns aufeinander absolut verlassen können. Egal, was passiert. In unserem Alter sind schon einige unserer Freunde und Bekannten verstorben oder schwer erkrankt. Die jeweiligen Partner blieben allein zurück. Das ist nicht schön aber wohl der Lauf des Lebens. Auch wir werden in absehbarer Zeit wohl weitere Einschränkungen hinnehmen müssen, denn mein Mann ist um einiges älter als ich und leider nicht mehr ganz gesund. Aber so lange es geht, genießen wir unser Leben.
Ich würde meiner Tochter - leider habe ich keine - auf gar keinen Fall empfehlen, meinen Lebensweg zu wählen. Ich würde sie unbedingt darin unterstützen, sich ihre Unabhängigkeit zu erhalten und ihren beruflichen Werdegang voran zu treiben. Immer vorausgesetzt, sie liebt, was sie tut. Hätte ich Enkel, wäre ich als Oma zur Stelle, wenn die Kinder krank würden und würde so die junge Familie unterstützen, wo ich kann. Ich hatte diese Hilfe leider nie, weder von meinen Eltern noch von meinen Schwiegereltern. Hätte ich sie gehabt, ich hätte viel eher eine Umschulung gemacht und hätte noch einmal von vorne angefangen.
Leider werde ich wohl niemals Enkel bekommen, denn mein Sohn ist ein AB und hat in seinem Leben die Prioritäten anders gesetzt. Sollte er irgendwann doch noch eine Partnerin finden, so wird er wohl trotzdem keine Familie gründen wollen. Ich bin darüber nur noch selten traurig, denn wir haben inzwischen ein offenes Gespräch führen können. Ich verstehe ihn jetzt besser und habe weniger Ängste um seine Zukunft. Er wird auf seine Weise ein gutes und erfüllendes Leben führen, dessen bin ich mir sicher. Und ich muss für mein Leben andere Inhalte finden, als die, Oma und Schwiegermutter zu sein. Auch mein zweiter Beruf wird für mich bald nicht mehr im Mittelpunkt stehen können. Meine Kräfte lassen deutlich nach und die Entwicklung, die die stationäre Pflege in den letzten Jahren nimmt, kann ich bald nicht mehr mittragen. Aber ich werde andere Aufgaben finden. Und sei es auch nur die, endlich mal das Leben zu genießen.
Euch jungen Leuten, egal ob jetzt AB oder in einer Beziehung, wünsche ich, dass ihr eure Träume verwirklichen könnt. Zumindest einen Teil davon. Ihr werdet eure Erfahrungen machen und so manche Bruchlandung wegstecken müssen. Zuerst mal aber solltet ihr mal endlich vom Boden abheben und fliegen lernen. Und das heißt, aktiv werden, die Flügel aufspannen und anfangen sie zu bewegen. Idealvorstellungen lese ich hier viele aber leider nur wenig Bereitschaft, etwas dafür zu tun, um diese zu erreichen. Sei es in der Partnersuche oder in anderen Lebensbereichen. Dabei ist die Welt groß und bunt. Sehr viel größer und sehr viel bunter, als dieser kleine Labtopbildschirm vor dem auch ich viel zu oft sitze. Deshalb gehe ich jetzt raus und genieße meinen freien Tag. Wer weiß, wer mir dabei so alles begegnet.
Alles Liebe
Elfriede