Wie bereits im Vorstellungsthread (viewtopic.php?t=29425) erwähnt, kommt hier die Geschichte meines Großonkels, eines HC-ABs, der folgenden Zeilen und Gedanken mit euch teilen möchte. Ihm ist bewusst, dass ihr ihm keine Tipps geben könnt. Sein Wunsch ist es nur, die folgenden Zeilen niedergeschrieben zu haben. Ich soll euch ausrichten, dass er sich sehr freut, zumindest indirekt Teil des Forums sein zu dürfen, auch wenn er wohl nicht allzu lange Teil dieses Forums sein kann.
Natürlich dürfte ihr gerne respektvoll kommentieren, behaltet aber bitte im Hinterkopf, dass es sich hierbei um die Zeilen eines alten, sterbenden Mannes handelt, der sich zum ersten Mal ernsthaft mit seiner seinen inneren Dämonen, die ihm zum AB gemacht haben, auf dem Sterbebett auseinandersetzt, in der Hoffnung, damit seinen Frieden zu machen.
Die folgenden, in fett geschriebenen Worten, stammen von ihm. Er hat mir schon vor einer Weile einen Zettel gegeben, den ich Wort für Wort abtippe, ich habe keine Änderungen vorgenommen.. Es sind die originalen Worte eines todkranken Mannes, der wahrscheinlich nur noch einige Tage zu leben hat.
Da ich nicht weiß, wie lange ich noch zu leben habe, schreibe ich diese Geschichte über meine Beziehungslosigkeit nieder, bevor es zu spät ist. Es ist das erste Mal, dass ich mich ernsthaft damit auseinandersetze. Diese Geschichte muss niedergeschrieben werden, damit ich meinen Frieden finden kann. Ich bin alt, sehr alt, älter als jeder andere in diesem Forum.
Ich wurde am 01.01.1925 als Sohn eines Beamten im höheren Dienst, und einer gelernten Krankenschwester, die nach ihrer Hochzeit Hausfrau wurde, in der Nähe von München in wohlhabende Verhältnisse geboren. Wir lebten zusammen mit meiner vier Jahre älteren Schwester in einem großen Einfamilienhaus, hatten ein Auto und verreisen zweimal im Jahr. Am 01.09.1939 hörten wir im Radio, dass die deutsche Wehrmacht in Polen einmarschiert ist. Diese Nachricht, von meinem Vater mit einem verächtlichen Kopfschütteln quittiert, sollte mein Schicksal als AB besiegeln.
Im Frühjahr 1944, mit 19 Jahren und dem Abitur in der Tasche, musste auch ich an die Front nach Frankreich. Ich habe am 06.06.1944 in der Normandie gekämpft. Wie ich das überlebt habe, kann ich nicht sagen. Ich wurde einige Tage später Augenzeuge eines Massakers in einem kleinen Dorf. Unsere Offiziere haben in einem etwa 200 Seelendorf ungefähr ein Dutzend Personen festgenommen. Die jüngste Person war ein etwa 10-jähriges Mädchen, die älteste ein etwa 80-jähriger Mann. Ich flehte einen der Offiziere an, die Menschen zu verschonen. Er schlug mir mit der Faust ins Gesicht und schrie mich an, ich solle mich gefälligst nicht so anstellen.
Ich habe vieles in meinem Leben altersbedingt vergessen. Doch der Anblick, wie ein etwa 35-jähriger Soldat ein wehrloses ca. 10-jähriges Mädchen erschießt, die weinend ihre Puppe festhält, hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Um die übrigen Gefangenen zu demütigen, hat er auf die Leiche des Mädchens uriniert und dann den Befehl gegeben, die übrigen zu erschießen. Ich konnte es nicht verhindern. Die Puppe des Mädchens habe ich heimlich mitgenommen, ich bewahre sie bis heute auf. Sie ist der Beweis, für das, was ich am 14.06.1944 nachmittags in Frankreich gesehen habe.
Mit 20 Jahren kehrte ich im Sommer 1945 zurück, lebendig und tot zugleich. Als ich zu Hause ankam, waren nur meine Mutter und meine Schwester im Haus. Sie erzählten mir, dass mein Vater, ein Gegner der Regierung, von der Gestapo mitgenommen und ins KZ Bergen-Belsen gebracht wurde. Sein letzter Brief war von Anfang März 1945, etwa sechs Wochen vor der Befreiung des KZ durch britische Soldaten. Danach kamen keine Briefe mehr. Er ist nie zurückgekehrt.
Durch meine Erlebnisse habe ich mich vor Gefühlen verschlossen, bin zynisch und depressiv geworden, ich hatte nie viele soziale Kontakte außerhalb der Familie meiner älteren Schwester und meiner Arbeit, erstrecht nicht mit Frauen. In meinem Skatclub gab es nur Männer. Meine Nichten und deren Kinder litten unter meinen Launen. Ich war kein besonders angenehmer Onkel und Großonkel, zu Weihnachten wurde ich völlig zurecht nur aus Pflichtgefühl eingeladen. Abgesehen von ein paar Treffen, die zu nichts führten, hatte ich mein ganzes Leben nie wirklich Kontakt mit Frauen auf romantischer Ebene. Ich bin mit meinem fast 100 Jahren eine ungeküsste Jungfrau.
Ich wünschte, ich hätte früher den Mut gehabt, über meine Erlebnisse früher zu sprechen, mein Herz zu öffnen, vielleicht wäre mein Leben anders verlaufen, wenn ich kein Menschenhasser geworden wäre. Ich habe mir nie Hilfe gesucht, nie darüber gesprochen, nur in mich hineingefressen, nur für mich selbst gelebt. Nun liege ich wenige Tage vor meinem 100. Geburtstag auf dem Totenbett, ohne jemals mit einer Frau an meiner Seite gelebt zu haben, ohne je eine Frau geküsst zu haben. Ich habe nie gelebt, meine Erinnerungen an den Krieg haben mich gelebt, sie haben mich zu einem lebenslangen Einzelgänger gemacht, der nie sein Herz für andere Menschen öffnen konnte, nicht einmal für die Familie seiner eigenen Schwester.
Noch ein Wort an die jüngere Generation: Lernt aus meinem Schicksal. Ihr seid verantwortlich dafür zu sorgen, dass so etwas niemals wieder passiert. Ihr habt es in der Hand, macht es besser. Hasst nicht. Wo Hass ist, entsteht nur Tod, Zerstörung und endloses Leid. Ein fast 100-jähriger sterbender alter Mann, der diesen Wahnsinn erlebt hat, sowie Millionen Tote mahnen.
Ich bedanke mich im Namen meines Großonkels für mich das Lesen, dieses Textes.
Bitte sag ihm vielen Dank für seinen Mut! Das sind sehr wertvolle Gedanken.
Ich hoffe, ihn erleichtert seine Beichte etwas.
Er hat nicht umsonst gelebt!
Optimistin hat geschrieben: ↑Sonntag 22. Dezember 2024, 20:44
Bitte sag ihm vielen Dank für seinen Mut! Das sind sehr wertvolle Gedanken.
Ich hoffe, ihn erleichtert seine Beichte etwas.
Er hat nicht umsonst gelebt!
Das ist sehr bewegend, es macht mich traurig. Bitte sage ihm Danke für seinen Mut und seine Offenheit und dass es nie zu spät ist, über die eigene Vergangenheit zu sprechen, sich das alles von der Seele zu reden. Und danke dir, dass du ihm das ermöglicht hast, sich hier an das Forum zu wenden.
Liebes AB-Forum,
ich muss euch leider mitteilen, dass das älteste Mitglied des Forums knapp eine Woche vor seinem 100. Geburtstag in der Nacht vom 22.12 auf den 23.12. seine letzte Reise angetreten hat. Er ist gestern Abend friedlich eingeschlafen und heute Morgen nicht mehr aufgewacht. Einer der letzten Zeitzeugen des zweiten Weltkrieges ist für immer von uns gegangen. Sein Wunsch, seinen 100. Geburtstag am 01.01. zu erleben, ist nicht in Erfüllung gegangen. Doch er hat sein Werk getan: Er hat sich seinen Dämonen gestellt, seinem Trauma, seinem Grund, warum er nie wirklich Bezug zu anderen Menschen und damit auch keinen wirklichen Bezug zum Thema Frauen finden konnte.
Nachdem ich den Post erstellt hatte, bin ich sofort ins Krankenhaus gefahren und habe ihm davon erzählt. Es war nicht zu spät. Er sagte mir, er könne jetzt endlich in Frieden gehen, weil er das, was er seit 80 Jahren auf dem Herzen hatte, endlich ausgesprochen hatte. Es scheint so, als hätte er so lange ,,weitergemacht“ bis ,,der Auftrag erfüllt“ wurde. Als ich ihm sagte, dass seine Worte festgehalten wurden, wusste er offenbar, dass er jetzt gehen kann. Er verstand seinen Beitrag in diesem Forum als Auseinandersetzung mit seinem AB-Tum, aber auch als Mahnung an uns, die jüngeren, die Welt besser zu machen. Es wird vermutlich immer ABs geben, aber die Menschheit muss dafür sorgen, dass es niemals wieder einen AB aufgrund eines Weltkrieges geben wird.
In seinem Beitrag hat er sich als Menschenhasser bezeichnet. Auf dem Sterbebett erkannte er, dass das nicht richtig war. Sein Herz war nur durch seine Erlebnisse im Krieg und den Verlust seines Vaters verschlossen, er hätte es öffnen können, wenn er früher den Mut gehabt hätte, über seine Erfahrungen zu berichten. Er erkannte es zu spät, um sein AB-Tum zu beenden, aber noch rechtzeitig, um seinen Frieden zu machen. Die Puppe des Mädchens bleibt in Familienbesitz, so wie es der Wunsch des Verstorbenen war. Sie bleibt auf ewig die Erinnerung an ein Kriegsverbrechen, dessen Verursacher leider nie zur Verantwortung gezogen wurden, dessen Taten wohl nie wirklich an die Öffentlichkeit gelangen werden. Der letzte Augenzeuge dieses Verbrechens ist gestorben, der Beweis für die Gräueltat jedoch wird bis zum Ende aller Zeiten weiterleben.
Ich bedanke mich an dieser Stelle auf das herzlichste bei der Administration dieses Forums sowie allen Mitgliedern, die respektvoll auf diese Geschichte reagiert haben. Mein Großonkel war sehr froh, zumindest kurzzeitig und indirekt Teil dieses Forums gewesen zu sein. Ich wünsche euch, auch wenn das in diesem Zusammenhang ziemlich schräg klingen mag, dennoch frohe Festtage.
In Gedenken an meinen Großonkel, einem HC-AB, der seine inneren Dämonen besiegen konnte.
01.01.1925 – 22/23.12.2024
Danke für diese Beiträge, Marco. Ich finde es sehr bewegend, dass Dein Großonkel es quasi in letzter Minute geschafft hat, seine Last zu teilen und dann in Frieden gehen konnte. Ich hoffe, damit kann auch Deine Familie ihren Frieden mit ihm und den sicher im Laufe der Jahre entstandenen innerfamiliären Verletzungen machen. Und ich hoffe, dass seine Erfahrungen irgendwann einmal jemandem, der es liest, den Mut schenken, sich selbst den Menschen um ihn anzuvertrauen und so zu beginnen, seine eigenen Wunden zu heilen.
Alles Gute und eine versöhnliche Zeit des Abschied für euch
Alle unsere Streitereien entstehen daraus, dass einer dem anderen seine Meinung aufzwingen will. (Mahatma Gandhi)
Mein herzliches Beileid zum Verlust deines Großonkels.
Danke für diesen tollen Brief. Es zeigt uns das wir mehr über unsere Gefühle und was uns beschäftigt reden sollten. Und es ist eine Mahnung das sowas nie mehr passieren darf. Was Hass zerstören und anrichten kann ist nur schrecklich.
Ich frage mich auch gerade was mein Opa im zweiten Weltkrieg erlebt hat. Er war Jahrgang 1922 also nur ein paar Jahre älter. Leider gab es Krankheitsbedingt nicht groß die Möglichkeit mit ihm über seine Erlebnisse zu reden. Und er ist auch schon vor 23 Jahren verstorben wo ich erst 17 Jahre alt war.
ich hoffe, ihr hattet schöne Festtage. Ich habe mit meiner Familie gefeiert. Mein verstorbener Großonkel saß neben am Tisch in Form eines leeren Stuhls und mit einem Bild von sich neben mir. Der Tod hindert uns nicht daran, zumindest symbolisch, den alten Mann zu Weihnachten einzuladen. Das Selbe wird an Silvester und Neujahr, seinem Geburtstag, ebenfalls anstehen. Wir haben ihn gerne eingeladen, weil er seine Fehler erkannte und sich entschuldigte. Die Beerdigung wird Anfang Januar stattfinden. Alle werden da sein, dafür habe ich gesorgt. Meine Frau und ich bekommen im Februar/März unser erstes Kind, einen Sohn, er wird zu Ehren meines Großonkels den Zweitnamen Friedrich bekommen.
Ich habe beschlossen im Forum zu bleiben, als kleines Dankeschön für euren Dienst. Ich nehme die Funktion als ,,Normalo" an und hoffe euch konkrete Tipps geben zu können, sowohl für die Dating-Phase als auch für eure ersten Beziehungen. Von daher habe ich "Am Thema interessiert" angegeben. Allerdings bitte ich um Verständnis, dass ich berufsbedingt und aufgrund unseres Kindes nicht garantieren kann, täglich online zu sein. In meinem Vorstellungsthread erwähnte ich, dass sich ein Helfer vorstellt, es bleibt auch dabei, wenn auch in anderer Funktion.
Ich wünsche einen guten Rutsch ins neue Jahr 2025!